Fedara

Fiktion

Morgen vielleicht

Heute hast du angerufen. Einfach so. Du willst reden. Über das, was passiert ist. Damals. Es hat eine Zeit gegeben, da hätte ich dafür fast alles getan. Aber jetzt? Jetzt ist es mir fast unangenehm. Wir haben uns trotzdem morgen zum Kaffee verabredet.

Irgendwo im Speicher muss noch diese Kiste sein. Ich wühle mich durch Winterjacken, Gummistiefel, Strampelanzüge und alte Lateinhefte. Der Mond scheint durch die kleine Luke. Als ich sie öffne, kann ich in der Nachtluft den Herbst riechen. Wie damals, als wir uns das erste Mal begegnet sind. 

Auf der anderen Seite der Stadt ist gerade Jahrmarkt. Das Riesenrad, der freie Fall – sie leuchten und funkeln. Doch ich muss nicht hingehen, ein Ticket an dem winzigen Häuschen kaufen und in eine der wackeligen Gondeln steigen, um zu wissen, dass sie existieren. Denn sind nun nicht mehr als eine Möglichkeit. 

Als ich mich in dich verliebte. So aufrichtig, so bedingungslos und so absolut, wie man nur lieben kann, wenn man noch nie dafür bezahlt hat. Da lagst du auf einem weissen Bett. Es war in der Nacht. Wobei. Vielleicht war es auch schon wieder Morgen. Oder Mittag. Das weiss ich nicht mehr so genau. Ich war schon eine Weile unterwegs gewesen. 

Es war nach diesem Fest in dem besetzten Haus, wo es über der Tanzfläche ein kleines Baumhaus gab, in dem man Tee kochen konnte. Wir drehten uns Zigaretten, die wir rauchten, während wir warteten, bis der Aufguss in den Tassen die Farbe von Bernstein hatte. Als er noch handwarm in der Tasse leuchtete, spülten wir damit die grün gesprenkelten Pillen hinunter. 

Tanzten. Alleine. 

Zusammen mit der Musik. 

Als die letzte Platte ausgelaufen war, da blieb eine zufällige Gruppe zurück. Wir zogen weiter. Stiebten durch die Stadt. 

Dunkel, hell. Egal. Wichtig waren nur kalter Prosecco und frische Zigaretten. Um zu vergessen. Den langweiligen Job im vollklimatisierten Büro, die versaute Kindheit, verpasste Möglichkeiten, die letzte Liebe oder ganz einfach der nächste Montagmorgen. 

Leise räume ich die Kisten um. Ein Stockwerk tiefer schlafen der Mann und das Kind, das zwar nicht das seine ist, aber trotzdem zu ihm gehört. Irgendwann ertaste ich die Dose. Ich kann mir kaum mehr vorstellen, dass sie noch immer enthält, was ich damals hineingelegt habe: den Mondstein, deine Locke. Langsam schraube ich den Deckel auf. Es riecht nach Hagebutte. Ringelblumen. Etwas abgestanden, in die Jahre gekommen. Aber noch immer. 

Genau eine Woche später bestiegen wir zusammen einen Zug in den Süden. In den Lederkoffer vom Flohmarkt hatten gepackt, was wir zum Leben zu brauchen glaubten: Ein paar Kleider, Kerzen, Taschenmesser und zwei blau getupfte Tassen. An einem grossen Bahnhof schenktest du mir einen Kaktus vom Blumenstand. 

Hätte ich wissen müssen, was kommen würde? 

Morgen sollen wir uns nun treffen. Ich liege schon lange da. Ohne Schlaf und ohne Träume. Ich kann nicht zurück. Erst mit der Dämmerung schlafe ich ein. Am morgen höre ich aus der Küche die Bialetti blubbern. Ich küsse das Kind, das neben mir liegt. Vergrabe meine Nase in dem seidenen Haar, das nach warmen Wiesen riecht. 

Du hast dann noch ein paar mal angerufen. Nachts, nach ein paar Bieren. Wenn die Verzweiflung am grössten war. Und ich weiss, was von dir bleibt, ist möglicherweise ein Missverständnis. Trotzdem geht es nicht. 

Aber vielleicht morgen. Ja. Morgen vielleicht.

Seraina Kobler