Fedara

Fiktion

Zwei-Minuten-Geschichten

Heute morgen, da war ich auf dem Weg zu Arbeit. Unter einer Brücke blieb ich stehen und wartete auf den Bus. Neben mir donnerte der Verkehr vorbei. Es roch nach Benzin und ich spürte, wie ich mich in dem Lärm aufzulösen begann. Da wusste ich, dass ich ab jetzt alles anders zu machen musste. Sofort. Ich fahre also ins Büro, sagte meinem Chef, dass ich kündige und sofort alle Überstunden einziehen werde. Dann packte ich einen Koffer und fuhr an den Hauptbahnhof. 

Jetzt sitze ich in einem Zug der durch eine gerade Ebene fährt. Vorbei an den Seen, bis dorthin, wo sich die Berge immer höher auffalten. An einem luftigen Bahnhof steige ich aus. Ich werfe etwas Kleingeld in den Automaten und tue etwas, was ich schon seit Urzeiten nicht mehr getan habe: Ich kaufe ein Päckchen Gummibärchen. Mit vollen Backen steige ich in das rote Bähnchen und fahre durch einen langen Tunnel auf die andere Seite der Alpen in Richtung Süden.

In einem kleinen Dorf steige ich aus. Auf einem Hügel steht eine Kirche, daneben hat es eine Bäckerei, ein Restaurant das Wildpfeffer auf der Mittagskarte hat und einen Brunnen. Er tröpfelt, plätschert und rauscht. Alles gleichzeitig. Ich setzte mich auf eine Bank, lausche den verschiedenen Klängen des Wassers und versuche, sie zu sortieren. Doch ich höre nur Musik. Hier werde ich bleiben. Als erstes suche ich mir eine kleine Pension, dann vielleicht eine Wohnung. Ich werde einen Ofen haben und jeden Abend ein Feuer darin anzünden. Ich werde warme Suppe essen und dann vielleicht in die Werkstatt gehen, die ich zur Wohnung dazu gemietet hätte. Dort gäbe es eine grosse Holzbank, Werkzeuge und ein kleines Radio würde vor sich hin dudeln. 

Die Leute aus dem Dorf könnten mir ihre kaputten Dinge bringen. Ich würde Stuhlbeine leimen, vielleicht könnte ich auch Schuhe reparieren. Oder etwas Nützliches erfinden. Zum Beispiel einen Kinderwagen, der sich selbst den steilen Berg hinauf rollt und beim hinab fahren bremst. Im Winter könnte man kleine Kufen an den Rädern anbringen. Und das Dorf würde immer bekannter, weil es das einzige im ganzen Tal wäre, das immer mehr Kinder hätte. Man müsste nicht die Schulen schliessen, sondern weitere eröffnen. Und vielleicht würde irgendwann auch ich ein Kind haben. Für dieses würde ich dann den allerbesten Wagen von allen bauen.

Seraina Kobler