Fedara

Fiktion

100 Tage

Eine journalistische Faustregel besagt, dass ein politischer Amtsinhaber etwas mehr als drei Monate Zeit bekommt, um sich in ein neues Amt einzuarbeiten und Erfolge vorzuweisen. Gründet man eine eigene Firma, so klein sie auch sein mag, dann ist die Schonfrist eigentlich schon ab dem ersten Tag vorbei. Trotzdem finde ich es einen hervorragenden Zeitpunkt für einen ersten Werkstattbericht. Als Ermutigung, für alle die selber etwas Neues wagen möchten. Aber auch für Eltern, die wie wir jeden Tag mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie kämpfen. 

«Sag, gibt es ein Leben nach dem Journalismus?», fragte mich kürzlich jemand bei Weisswein und Käsehäppchen. Und ich antwortete, dass es bestimmt ein Leben nach dem Journalismus gibt. Sicher aber keines ohne ihn. Im Gegensatz zu den Jahren auf der Redaktion darf ich einfach nur noch das machen, wofür ich früher mit viel Schweiss und Freizeit bezahlt habe: Die Kür. Also lange Stücke zu den Themen, die mich interessieren. Das, was vorher zähneknirschend «halt auch zum Redaktorengehalt» gehörte, ist weggefallen: Ich mache keine Nachrichten, keine Produktionsdienste und keine Online-Schichten mehr. Zumindest nicht so, wie ich es kannte. 

 

 Planung ist das halbe Leben, in der Familie wie auch sonst - «Personal Kanban» für eine gestresste Schülerin. 

Planung ist das halbe Leben, in der Familie wie auch sonst - «Personal Kanban» für eine gestresste Schülerin. 

«Schnell», geht eigentlich gar nichts

Denn der rote Faden, der meine Firma zusammen hält, sind Geschichten. Sie begleiten mich seit ich mit sechs Jahren - mangels Geschwistern zum Streiten - begann, Bücher zu verschlingen. Auch, oder gerade, in Zeiten von Bilderflut und Informationssturm, sind sie eine zuverlässige Währung für Aufmerksamkeit. In Storytelling Workshops erarbeite ich mit meinen Kunden dafür einen Baukasten. Und es kommen die zwei Dinge zusammen, die mich immer am meisten interessiert haben: Menschen und Geschichten. Besonders freue ich mich, dass ich aber auch praktisch daran arbeiten darf. Gerade bin ich daran, auf Auftrag an einem Kinderbüchlein zu schreiben, und es geht in einem Arbeitsleben zusammen, was ich mir wünschte: das Berichten (reale Ereignisse) und das Erzählen (fiktive Handlung). 

 Visionen und Ziele, sag es mit einem Manifest: Workshop für ein Zürcher Start-up. 

Visionen und Ziele, sag es mit einem Manifest: Workshop für ein Zürcher Start-up. 

Nun, man soll ja immer mit dem Guten anfangen. Was ich verschwiegen habe, sind die unzähligen Nachtschichten, das flaue Gefühl im Magen und die bohrende Unsicherheit. Die Idee ist nicht nur, aber auch aus der Not geboren worden. Ich hätte mir gut vorstellen können, noch einige Jahre in der warmen Redaktionsstube die Füsse unter das USM-Haller-Möbel zu strecken.

 

Ein Treuhänder aus Gold

Doch verschiedene Umstände, mitunter die Geburt meines vierten Kindes, zwangen mich, alles neu zu denken. Und so entwickelte sich mein Angebot mit der Nachfrage. Um sauber abrechnen zu können und auch aus Gründen der Sicherheit beschloss ich im letzten Sommer «noch schnell» eine GmbH zu gründen. Und nach den letzten Monaten kann ich vor allem eines sagen: «Schnell» geht eigentlich gar nichts. Doch wie gut, dass man das vorher nicht so genau weiss. Ich begann mich mit der Sozialversicherungsanstalt, Taggeldversicherungen und den Steuern zu beschäftigen. Irgendwann kam ich dann der Punkt, an dem ich mir eingestehen musste, dass ich Hilfe brauche. Heute bin ich mir sicher: Mein Treuhänder ist Gold wert. Er geht mir bei grösseren Abschlüssen zur Hand, kennt alle Tricks und Kniffs und erspart mir Albträume von Zahlenbergen. 

 

 

 

 Unverzichtbar: Ausrüstungsgegenstände aus dem Geschichten-Koffer. 

Unverzichtbar: Ausrüstungsgegenstände aus dem Geschichten-Koffer. 

Projekte statt Stellenprozente

Wie viel Freiheit in dem neuen Arbeitsmodell steckt, das merkte ich im letzten November. In unserer Kita war der Keuchhusten ausgebrochen. Da die Krankheit auch für geimpfte Säuglinge sehr gefährlich ist, musste ich meine beiden gesunden (!) Töchter im Baby- und Kleinkindalter für sechs Wochen zu Hause in Quarantäne behalten. Wo ich früher meinem Ressortleiter, und auch mir selbst, einen mittleren Nervenzusammenbruch beschert hätte, konnte ich nun die Arbeit umverteilen und Präsenztermine so legen, dass ich trotzdem den Kindern schauen konnte. Gewiss, ein Zuckerschlecken war das nicht. Und wie gut, wurde uns so viel Verständnis entgegengebracht. Aber es war möglich! Auch wenn das Licht in meinem Büro selten vor halb zwei Uhr nachts ausging. So habe ich aufgehört mein Pensum in Stellenprozenten zu denken, sondern in Projekten. Auch wenn das noch ungewohnt ist. Überhaupt verschmelzen das Berufliche und das Private immer mehr. Da ich aber in den letzten Jahren viel über meine eigene Arbeitsökonomie gelernt habe und die roten Linien kenne, sehe ich das entspannt. Denn ich habe das grosse Glück, genau das tun zu dürfen, was ich machen möchte. 

Seraina Kobler